Frühlings- / Osterspaziergang 2019

Vom Eise gefüllt sind Strom und Bäche
durch des Winter holden, ruhigen Blick.
Im Tale weiße Ruheglück.
Der Winter in seiner Stärke
ist noch immer da.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
kräftige Schauer körnigen Schnee"s.
in Streifen über die weiße Flur.
Aber die Sonne schläft.
Überall wartet   Bildung und Streben,
alles ist in weißer Farbe bedeckt.
Nicht an Schneemänner fehlts im Revier.
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.

Kehre dich um, von diesen Höhen
nach der Stadt zurückzusehen!
Aus dem hohlen, finstern Tor
dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
denn sie sind selber auferstanden.
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
aus der Strassen quetschender Enge,
aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
sind sie alle ans Licht gebracht.
 

Sieh nur, sieh, wie behend sich die Menge
durch die Gärten und Felder zerschlägt,
wie der Fluss in Breit und Länge
so manchen lustigen Nachen bewegt,
und, bis zum Sinken überladen,
entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges ferner Pfaden
blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel.
Hier ist des Volkes wahrer Himmel.
Zufrieden jauchzet gross und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!


- Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832,
deutscher Dichter -